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Weißt du Mami, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die lassen sich nicht erklären

Wie sagt man seiner eigenen Mutter, dass es sich nicht mehr zu kämpfen lohnt? Dass die Kraft, die sie alltäglich aufbringt eine Maske der Alltäglichkeiten und Kontrolle aufrecht zu erhalten, keinen Sinn mehr macht?

Ich hätte gerne eine Bilderbuchantwort darauf, aber natürlich existiert diese nicht. Schließlich ist die Vorstellung schon so grausam, dass man sich mit den Gedanken darum garnicht konfrontieren mag. Und doch ist auch dies bittere Realität.

Man könnte meinen, dass die Realität einen todkranken Menschen im Prozess des Krankheitsverlaufes einholt. Spätestens mit dem Einzug ins Hospiz stehen die Vorzeichen für alle Involvierten auf Abschied und nicht mehr auf Kampf. Aber es geht alles zu schnell. Es ist zu wenig Zeit und so hart und unfassbar schrecklich diese kurzen Wochen für uns Angehörige waren und sind – so unbegreiflich müssen sie für den Betroffenen zu verarbeiten sein. Was folgt ist ein hartnäckiger Verdrängungsprozess und als Folge alltägliche Diskussionen um Nichtigkeiten. Ich kann das alles logisch verstehen, aber emotional nicht greifen. Ich hatte in den letzten Tagen schon so oft das Bedürfnis meine Mutter geradezu anzuschreien, dass sie mit der Scharade aufhören soll – dass sie ehrlich zu sich und zu uns sein soll. Und dadurch fühle ich mich schlecht. Also schlucke ich es runter und spiele weiter mit. Die Absurdität der Unterhaltungen nimmt dadurch natürlich nur weiter zu.

Und welche Optionen haben wir nun? Weiter mitspielen und damit kostbare Zeit verschenken? Oder einen todkranken Menschen in dem Glauben der Hoffnung lassen? Und in wieweit ist es wirklich Hoffnung und nicht nur Verdrängung? Ist es vielleicht auch nur unser eigener Egoismus anzunehmen, dass sich die Realität im gesprochenen Wort besser anfühlt? Ich weiß es nicht.

Als Kernfamilie haben wir beschloßen, sofern es die Situation ergibt, ehrliche Worte anzubringen. Und wie das Leben eben immer so spielt, kam dieser Moment schneller als gedacht. Fast schon so, als ob eine nicht greifbare kommunikative Ebene herrschte, die aufgebrochen werden wollte. Denn es geschah nicht bei den vielen persönlichen Besuchen, sondern am Telefon. Im Hintergrund dudelte klassische Musik, meine Mutter berichtete mir vom Abendbrot und fragte mich, was ich noch in der Firma erlebt hatte. Fast schon eine inszenierte Normalität, die genau in dieser Form auch vor 3 Monaten hätte stattfinden können. Und dann kam irgendwann der Satz „Manchmal glaube ich, ich schaffe es diesmal nicht. Vielleicht komme ich nie wieder nach Hause.“

Was antwortet man da? Einen kurzen Moment wollte ich es einfach übergehen und der Situation damit entflüchten. Bis mich eine innere Stimme laut fragte – und dann Jenny? Wieder ins Hamsterrad? Es war Zeit – das wußte ich und spürte ich an der abwartenden Stille am anderen Ende des Telefons. Und so ließ ich die Worte einfach herauströpfeln – anders lässt es sich nicht beschreiben. Denn eigentlich bin ich nicht auf den Mund gefallen.

In meinem Gedächtnisprotokoll lief das dann in etwa so ab:

„Weißt du Mami, du hast Recht – diesmal werden wir es nicht schaffen. Und wenn du ehrlich zu dir selber bist, weißt du das auch.“

Mit leiser Stimme antwortete sie: „Das ist so schrecklich. Und du bist so realistisch.“

„Ja das ist es. Es ist grausam. Und ja, das bin ich. Das muss ich grad sein – das müssen wir alle sein – für uns, für dich.“

Und dann kam das Wort, das so groß ist, dass du dir wie der schlechteste Mensch auf dem Planeten vorkommst, wenn du es mit einem Satz zerstörst: „Aber vielleicht ist da ja noch Hoffnung. Ich habe des doch schonmal geschafft.“

„Weißt du Mami, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die lassen sich nicht erklären – das haben wir doch schon viel zu oft erlebt und ja, Hoffnung gibt es immer. Und dennoch sieht es so aus, als ob uns die Zeit davon läuft. Was im Jetzt wichtig ist, dass du auf dich schaust – was du dir wünscht, was du dir von uns wünscht. Dass es dir gut geht,wir gemeinsame Zeit haben und alle die dich lieb haben, werden dafür Sorge tragen, dass es so ist.

In einem Rosamunde Pilcher Roman hätten jetzt die Beteiligten gemeinsam am Telefon geweint – bei uns wurde es allerdings still. Meine Mutter wollte nicht mehr sprechen – das war viel, das war mir klar. Und so beendeten wir das Gespräch und ich blieb mit einem etwas erleichterten, aber dennoch schlechten Gewissen auf meiner Couch zurück.

 

5 Comments

  • Jenny

    21. Dezember 2016 at 10:39

    Vor knapp drei Wochen ging meine Schwiegermutter von uns. Ein kurzer Kampf gegen den Krebs nahm sie viel zu früh.
    Bei uns lief es genauso – die Hoffnung war so groß, obwohl die Realität von Anfang an keinen Platz für Hoffnung ließ.
    Im Nachhinein denke ich aber…die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn der Glaube an ein Wunder kann so schön sein. Fast zu schön.
    Ich wünsche Dir und Deinen Lieben noch ganz viel Kraft! Für Deine Mama hoffe ich, dass sie noch eine gute Zeit mit Ihren Lieben verbringen kann. Zeit ist so kostbar, gerade jetzt. <3

    Antworten
  • Sarah

    21. Dezember 2016 at 11:51

    Ich finde es ganz wichtig, was Du schreibst. Ehrlichkeit und Offenheit ist in so einer Lebenssituation ungemein wichtig und zugleich aber auch unerträglich. Wahrscheinlich vor allem für Deine Mama. Man muss versuchen es nicht als Resignation zu sehen, sondern als Möglichkeit die letzte gemeinsame Zeit bewusst zu verbringen. Ich wünsche Dir und Deiner Familie ganz viel Kraft in dieser schweren Zeit!!

    Antworten
  • Silke

    22. Dezember 2016 at 23:25

    Deine Worte haben mich sehr berührt. Meine Mutter leider an einer beginnenden Demenz und ich bereue es jetzt schon, dass ich so ein Gespräch mit ihr nicht führen werde. Wenn es bei ihr einmal zu Ende gehen wird, wird ein Gespräch wahrscheinlich gar nicht mehr möglich sein.
    Ich wünsche dir viel Kraft für die nächste Zeit.

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  • Sabrina

    27. Dezember 2016 at 21:53

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Ich weiß 100%tig was du durchgemacht hast. Bei uns war es 2015 so. Meine Mama haben wir erst zu Hause Palliativ betreut mit der Kernfamilie. Im 9. Monat schwanger bin ich wieder zu Hause eingezogen und habe dann meinen Sohn eine Etage unter der Plliativstation entbunden, wo meine Mama 18 Tage nach seiner Geburt gestorben ist.

    Es gibt Dinge, die kann man nicht verstehen. Es gibt Dinge, die erscheinen einem so unfassbar unfair. Alles was ich erlebt habe, war so fern ab von einem Rosamunde Pilcher oder Nicholas Sparks Film. Hätte ich gesehen, wie jemand sein Kind bekommt, ein wundervolles Telefonat mit seiner todkranken Mutter führt und dann 24h später verzweifelt bei ihr anruft, ein Anruf ins Nichts, um zu erfahren, dass sie kollabiert ist. Ich hätte die Augen verdreht vor lauter Drama. Aber so war es. 24h nach meiner 1. Geburt, musste ich mich von meiner Mama verabschieden. 18 Tage war sie noch halbwegs bei uns, wir haben gekämpft und verloren. Ich hasse es. Jeden Tag. Ich hasse es keine Mama zu haben und ich hasse es, dass ich die bin, deren Mama gestorben ist. Aber es ist wie es ist. So eine Erfahrung verändert einen. Positiv und negativ. Ich wünsche dir viel Kraft auf deinem Weg. Wenn dir Menschen sagen, es wird besser, lächle und bleib freundlich. Es wird nicht besser. Es wird anders. Aber es bleibt unfair…alles liebe, Sabrina!

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  • Julia

    5. Januar 2017 at 12:09

    Liebe Jenny,
    ich wünsche Dir ganz viel Kraft! Ich habe meine Mutter sehr plötzlich verloren, als ich 19 war. Meine Oma ist vor knapp 3 Jahren an Krebs gestorben und bei ihr war es ähnlich. Sie wollte es bis zuletzt nicht wahr haben. Sehr, sehr schwer. Daher: Achte gut auf Dich!

    Alles Liebe,
    Julia

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